LESEPROBE

Wenn das Leben die Rollen durcheinanderwirbelt

PROLOG

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„Lob gab es bei uns zuhause so gut wie nie. Meine Eltern haben einfach erwartet, dass wir funktionieren und gute Noten nach Hause bringen.“ Das Gesicht ist versteinert, die Stimme leicht brüchig. In einem Hamburger Hotel stehe ich vor meiner Seminargruppe. Peter, Ende vierzig, leitet den technischen Bereich eines internationalen Konzerns und trägt Verantwortung für mehrere hundert Mitarbeitende. Im Raum ist es still. Der nächste Teilnehmer berichtet, wie er seine Eltern kaum gesehen hat, weil sie immer gearbeitet haben und er von seiner Großmutter großgezogen wurde. Eine Frau erzählt leise, wie ihre Mutter nie ein gutes Haar an ihr ließ. Kleidung, Frisur, Freunde, Noten – nichts passte. Mit achtzehn zog sie von zuhause aus. Heute hat sie ein distanziertes Verhältnis zu ihrer Mutter. Ich höre diese Geschichten immer wieder. Früher oder später zeigen sich alte Verletzungen – unabhängig vom Alter oder beruflichem Erfolg. Der Kern ist fast immer derselbe: hilflose oder unwissende Eltern und verletzte, unverstandene Kinder.

In diesem Moment denke ich: Das hört einfach nie auf

Es ist wie ein Perpetuum Mobile. Die schmerzvollen Prägungen unserer Erziehung hinterlassen ihre Narben. Und mit vierzig, nachdem Familienplanung und erste Karrierephase abgeschlossen sind, sitzen Menschen mit äußerem Erfolg in Persönlichkeitsentwicklungs-seminaren und fragen sich: Was ist eigentlich passiert? Warum fühlt es sich immer noch an, als würde etwas fehlen? Ich habe doch alles erreicht. In mir erwacht zum ersten Mal der Wunsch, ein Buch für Eltern zu schreiben. Kein Erziehungsratgeber, sondern ein Aufklärungsbuch – damit Eltern sich selbst und ihre Kinder besser verstehen.

Dann, 2018, verändert ein Unfall meines Vaters alles. Plötzlich bin ich nicht mehr nur Tochter meiner Eltern oder Mutter meiner zwei Söhne. Über Nacht werde ich zur Mutter meines Vaters, muss Entscheidungen für meine gesundheitlich angeschlagene Mutter treffen und meiner älteren Schwester eine Stütze sein. Ich stehe hilflos, überfordert und tränenüberströmt vor meinen Kindern – und wünsche mir, dass sie Verantwortung übernehmen. Über die Jahre veränderte sich meine Haltung. Von: „Geht nicht, gibt’s nicht. Beste Tochter übernimmt und löst alles.“ Zu: „Ich helfe, wo ich kann – aber vieles vermag ich nicht zu lösen, weil ich auch nur ein Mensch mit begrenzten Fähigkeiten bin.“ Das war ein langer Weg. Und er dauerte Jahre. Denn diese Erfahrungen haben mir eines gezeigt: Rollen, die wir für selbstverständlich halten – Tochter, Mutter, Partnerin – können plötzlich ins Wanken geraten. Alte Muster, Erwartungen und unbewusste Dynamiken wirken hinein in unser Handeln – oft stärker, als uns bewusst ist.

Mütter sind wie das mittlere Stück eines Sandwiches – oben die Erwartungen der Herkunftsfamilie, unten die Bedürfnisse der Kinder und Familie. Dazwischen wir selbst, mit Hoffnungen, Ansprüchen, Gefühlen und gelegentlicher Überforderung. Als die Pubertät begann, war plötzlich nicht mehr die Geschwindigkeit das Problem, sondern der Verlust meiner Souveränität. Ich merkte, dass ich die Beziehung zu meinen Kindern nur halten konnte, wenn ich begann, wirklich vor meiner eigenen Tür zu kehren.

Wie wir als Mütter unseren Alltag gestalten,

hängt untrennbar mit dem Verständnis unserer eigenen Muster zusammen.

Je besser wir unsere Trigger, Automatismen und emotionalen Reaktionsweisen erkennen, desto bewusster können wir handeln – statt nur zu reagieren.

Ob es uns gefällt oder nicht: Die Prägungen unserer ersten Lebensjahre begleiten uns ein Leben lang.

Es ist kein klassischer Ratgeber. Es will nicht belehren und keine schnellen Lösungen versprechen.

Es lädt dazu ein, die eigenen Muster zu erkennen, die eigene Rolle als Mutter neu zu verstehen und bewusster mit sich selbst und den eigenen Kindern umzugehen.

Klingt das irgendwo vertraut?
Dann habe ich das Buch genau für dich geschrieben —

und ich würde mich freuen, wenn ich dir damit ein Stück deiner Souveränität und Freiheit zurückgeben dürfte.

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Für Mütter, die bereit sind,

tiefer einzutauchen.